Die goldene Spaghetti-Regel
(Foto: Marco Verch @ CCnull.de)
Hast Du vielleicht schonmal folgende Sätze gehört:
"Wenn Du näher mit Gott leben und weniger sündigen würdest, hättest Du auch keine Depressionen!"
"Ich würde beten und die Psychopharmaka einfach weggelassen. Gott kann schließlich auch ohne Medikamente heilen."
"Psychotherapeuten suchen die Schuld für Dein Leid immer bei den Eltern. Das ist nicht biblisch."
Dies Glaubenssätze, die gerade bei konservativen Christen immer wieder zu hören sind, haben psychisch kranke Christen oft verwirrt oder gar verzweifeln lassen. Ich möchte Sie daher mal aus der biblischen Sicht anschauen.
Satz 1:
"Wenn Du näher mit Gott leben und weniger sündigen würdest, hättest Du auch keine Depressionen!"
Falls Du das schonmal gehört hast, dann haben diese Personen vermutlich die goldene Spaghetti-Regel nicht beachtet. Diese Regel besagt: Alle Spaghetti sind Nudeln, (wir lassen das Spaghetti-Eis weg), aber nicht alle Nudeln sind Spaghetti. Nudeln können auch Tagliatelle, Fusilli oder Cannelloni sein.
Es gibt weltweit über 600 Nudelsorten. Falls Du jetzt noch keinen Hunger hast und Dich fragst was das mit Deiner Krankheit zu tun hat... ich komme ich jetzt zum Punkt.
(Natürlich heißt diese Regel in der Wissenschaft nicht Spaghetti-Regel, aber ich finde das Beispiel sehr griffig.)
Es gibt in der Bibel einseitige und beidseitige Abhängigkeiten.
Nudeln zu Spaghetti haben eine einseitige Abhängigkeit. Spaghetti sind Nudeln, aber Nudeln nicht zwangsläufig Spaghetti. So rufen in der Bibel Sünden Leid (z.B. Krankheiten) hervor, aber nicht alles Leid (Krankheiten) sind eine Folge von Sünde. Die Jünger dachten, dass ein Blinder immer gesündigt haben müsse, aber der Herr Jesus sagte ihnen, dass sie damit vollkommen falsch lagen. (Johannes 9,1-3). Ich weiß nicht, ob es auch 600 Gründe für Leid gibt, aber auf jeden Fall eine ganze Menge.
Leid entsteht in der Bibel durch:
- Sünde
- um Gott zu verherrlichen, dadurch dass er es beendet
- um Gott zu verherrlichen, dadurch dass er uns durchträgt
- einfach, weil die Schöpfung durch Adams Sündenfall
zerstört ist. (Daher leiden auch die Tiere und Pflanzen,
die gar nicht sündigen können.)
- um die Leiden von Christus besser mitfühlen zu können und ihm
dadurch besser danken zu können
- um andere trösten zu können, die gleiches erleiden
- um dem Teufel und der Engelwelt zu demonstrieren
was Glauben ist
- um die Liebe der Kinder Gottes untereinander zu zeigen,
indem sie sich im Leid beistehen
- als "Nebenprodukt", weil Gott die Ungläubigen in unserer
Umgebung durch Leid erretten möchte, werden wir mitgetroffen
(z.B. manche Plagen in Ägypten, Elia und die Hungersnot oder
Prophet Jeremia und die Belagerung Jerusalems)
- etc.
Deine psychische Erkrankung kann also eine Folge von Sünde sein, die Chance ist aber hoch, dass sie es nicht ist. Manchmal gibt es auch Mischfälle wie beim Leid von Hiob. Der Anlass war keine Tatsünde, aber Gott nutzte das Leid, um Hiob auf falsche Einstellungen aufmerksam zu machen. Gott ist ein guter Recycler. Er lässt die Brotbrocken bei der Brotvermehrung aufheben. Und wenn seine Kinder leiden, ist das für ihn viel ernster als verschwendetes Brot. Deshalb versucht er, wenn er uns leiden lässt, uns möglichst viel auf einmal beizubringen.
Es gibt auch beidseitige Abhängigkeiten. Wenn ich z.B. zwei ähnliche Menschen nebeneinander sehe und einen davon frage ob sie miteinander verwandt sind und er bejaht das, dann brauche ich den zweiten nicht mehr das Gleiche zu fragen. Wenn z.B. jmd. sagt: "Das neben mir ist meine Schwester", dann ist es unumgänglich, dass der Mann daneben ihr Bruder ist. Es ist eine beidseitige Abhängigkeit. Es kann nicht nur einer mit dem anderen verwandt sein.
Solche Abhängigkeiten haben wir in der Bibel auch:
Jeder der echt bekehrt ist, hat das neue Leben. Und jeder der das neue Leben hat ist auch echt bekehrt. Man kann nicht bekehrt sein, ohne das neue Leben zu haben und umgekehrt.
Viele unguten Lehren in der Christenheit basieren darauf, dass man diese Abhängigkeiten falsch zuordnet. Das Wohlstandsevangelium lehrt z.B., dass ein treuer Christ ein tolles Leben mit Gesundheit, Reichtum und Erfolg bekommt. Wer das nicht hat, muss also falsch unterwegs sein. Man erschafft eine beidseitige Abhängigkeit, wo Gott sie nicht gegeben hat. Ein Christ kann reich sein, aber auch sehr arm, unabhängig von seiner Treue zu Gott.
Ein weiteres Beispiel ist die Allversöhnungslehre. Die Bibel lehrt klar, dass man nach dem Tod ewig im Himmel oder in der Hölle ist. Dies ist eine beidseitige Abhängigkeit. Die Allversöhnungslehre löst diese auf und sagt, dass zwar keiner mehr nach dem Tod vom Himmel in die Hölle kommt, wohl aber manche oder alle noch von der Hölle in den Himmel.
Die Folgen dieser Verdrehung der Abhängigkeiten sind verheerend. Die erste führt zu Gesetzlichkeit! Wenn ich jmd. beibringe, dass alle Nudeln Spaghetti sind, dann wird er andere Nudelsorten niemals probieren. Das passiert auch im geistlichen Leben. Jemand der eingetrichtert bekommen hat, dass Leid immer eine Folge von Sünde ist, wird sich auch da schlecht fühlen und quälen, wo das Leid gar nicht durch Sünde verursacht war.
Die zweite Verdrehung führt zu Ausschweifung und dem Missbrauch von Gottes Gnade. Wenn die Folgen meines Handelns gar nicht so ernst sind, wie in der 1:1-Beziehung Himmel oder Hölle, dann brauche ich das Evangelium nicht so ernst nehmen, da ich ja dann immer noch nach dem Tod gerettet werden kann.
Vielleicht hast Du bei manchen Lehren ein mulmiges Gefühl, konntest aber bisher nicht verstehen woher es kommt, dann prüfe mal, ob die Thesen zu Deiner Krankheit oder Situation wirklich biblisch sind oder ob man die "Spaghetti-Regel" verletzt hat.
Auf die Sätze zwei und drei werde ich in den nächsten Kapiteln eingehen.