Psychotherapie

Die Brücke zur Kindheit

(Foto: @ PickPik)

"Psychotherapeuten suchen die Schuld für Leid immer bei den Eltern. Das ist nicht biblisch."


In vielen biblisch-orientierten Gemeinden wird vor Psychotherapeuten gewarnt. Und wenn eine Erkrankung doch so schwer wird, dass es ohne nicht mehr geht, muss es auf jeden Fall ein gläubiger Therapeut sein. Auch in der allgemeinen Bevölkerung haben sie oft keinen guten Ruf. Sie werden in deren Augen als Bremse des Armes der Gerechtigkeit angesehen, weil sie Verbrechern, angeblich ohne Grund, eine schwere Kindheit bescheinigen, worauf deren Strafe dann erheblich reduziert wird. Im besten Fall sind sie gut für Mitmenschen die zu schwach für die Ellbogengesellschaft oder „nicht ganz dicht“ sind. Dies führt dazu, dass viele einen Therapeuten sehr spät, gar nicht oder zumindest sehr verschämt aufsuchen. Die Gemeinde darf von solchen Besuchen oft nichts erfahren.

Doch woher kommt diese Sicht auf Psychotherapeuten und ist dies ein weltweites oder eher deutsches Problem?

 

Pionierarbeit: Sigmund Freud, Alfred Adler, Carl Gustav Jung u.a.
Da es auf dieser Seite, um kurze, praktische Lebenshilfe gehen soll, wäre eine Darstellung der Geschichte der Psychoanalyse / -therapie zu umfangreich. Das Wissen um diese ist aber in der Regel auch nicht nötig. Zu Beginn möchte ich eine Frage stellen: „Wenn Du beim Autofahren vom zweiten in den dritten Gang schaltest, was machst Du dann als Erstes?“ (Die Antwort darauf steht am Ende des Textes, damit Du sie hier nicht versehentlich siehst.) Anhand dieser einfachen Frage kann man feststellen, dass es ein Unterbewusstsein gibt. Dieses Unterbewusstsein speichert Prozesse ab, damit das Gehirn entlastet wird. Ähnlich einer Nähmaschine, bei der man den Stoff mit der Hand führen muss, aber das Nähen automatisch erfolgt. Der Prozess wäre viel anstrengender, wenn man alle Arbeitsschritte selbst machen müsste.


Diese scheinbar selbstverständliche Erkenntnis ist aber noch gar nicht lange bekannt. Die Pioniere Freud, Adler und andere lebten Ende des 19 Jahrhunderts bis in die Mitte des zwanzigsten. Sie machten bahnbrechende Entdeckungen, lagen aber manchmal auch kolossal daneben. Das ist aber bei vielen Pionieren so. Columbus glaubte er wäre in Indien, als er auf Amerika stieß. Auch Einstein hatte nicht immer recht, Darwin lag mehr falsch als richtig und die Eroberung des Mondes ging nicht ohne Abstürze und Fehlschläge vonstatten. Und selbst wenn ein Pionier richtig liegt, schätzt er oft die Risiken seiner Entdeckung falsch ein. Marie Curie hantierte jahrelang mit radioaktiven Stoffen, was zu einer tödlichen Leukämie führte. Das hohe Risiko war lange unbekannt. Es ist sehr wichtig, sich das vor Augen zu führen, bevor man die Psychotherapie komplett ablehnt und „das Kind mit dem Bad ausschüttet.“


Da insbesondere Freud sehr merkwürdige Rückschlüsse aus dem Sexualleben und anderen frühkindlichen Prozessen, wie der „Stubenrein-Werdung“ oder der oralen Phase zog, welche der biblischen Sexualmoral und Vorstellung des verantwortlichen Menschen klar widersprach, waren viele überzeugte Christen besonders kritisch. Sie blieben es auch, als nur noch eine kleine Minderheit von Therapeuten nach der reinen Lehre von Freuds Psychoanalyse arbeitete.


Man sollte bei der Bewertung der Psychotherapie (ähnlich wie bei den Medikamenten) also nicht vergessen, dass es ein sehr junges Forschungsfeld ist, auf dem noch ständig gelernt wird, dass sich aber mittlerweile durchaus von den Erkenntnissen der großen Namen des Beginns an vielen Stellen distanziert hat. Dazu kommt, dass sich Freud, Adler und Jung auch in Teilen zerstritten haben, sodass sie selbst nicht alles vom anderen als richtig anerkannt und übernommen haben. Man muss also genauer hinschauen.


Da Freud und Adler Juden waren, wurden diese vom Nationalsozialismus abgelehnt. Dies mag die Kritik in Deutschland verstärkt haben und führte dazu, dass psychisch kranke Menschen in Konzentrationslagern umgebracht wurden. Der zweite Weltkrieg führte auch dazu, dass viele ihre Erlebnisse verdrängten und über die erlittenen Trauma nie oder erst im Alter sprachen. Es gab damals kaum eine Möglichkeit zur oder das Wissen um Psychotherapie. Ich kenne Männer die aus dem Krieg oder der russischen Gefangenschaft kamen und am nächsten Tag oder nach sehr kurzer Erholungszeit zur Arbeit gingen. Die Kriegs- und harten Nachkriegsjahre zwangen zum „Funktionieren“ und entwickelten bei vielen Deutschen eine Mentalität, die das Zeigen von Gefühlen als Schwäche auslegte.

Dies wurde in manchen Gemeinden sogar verstärkt, was sich in Liedern wie „Lasst die Herzen immer fröhlich…“ mit Textzeilen wie „alle Tage Sonnenschein“ ausdrückte. Wer länger als üblich traurig war, wurde manchmal als ungeistlich abgestempelt und Bibelstellen wie „Freut euch in dem Herrn allezeit…“ falsch angewendet, sodass der Erkrankte statt Entlastung noch mehr Druck verspürte oder an sich selbst zweifelte.


In den Vereinigten Staaten von Amerika hingegen, die nicht von der Nazizeit geprägt waren, war man viel offener, zudem kam den Amerikanern ihre Pioniermentalität entgegen. Bei den Nürnberger Prozessen, hatten alle Gefangenen einen Psychotherapeuten als Ansprechpartner und zusätzlich noch einen Seelsorger für den geistlichen Bereich. Es ist beeindruckend, wie professionell man dort in diesem Punkt schon unterwegs war und dass man die Bereiche Seelsorge und Therapie schon trennte. Bis heute ist zumindest die Stadtbevölkerung in den USA für Psychotherapie offener als die Deutschen. Viele haben wie selbstverständlich einen Psychotherapeuten oder zumindest einen Coach mit psychotherapeutischen Grundkenntnissen.

 

Mailand oder Madrid? – Egal, Hauptsache Italien!
Viele werden dieses Zitat schon einmal gehört haben. Es stammt von Andreas Möller, dessen geografisches Genie in diesem Moment nicht mit seinem fußballerischen Schritt halten konnte. Es scheint bei den Begriffen „Psychologe, Psychiater oder Psychotherapeut“ auch vielen egal zu sein, was die eigentliche Bedeutung ist. Doch für Erkrankte oder Angehörige von Erkrankten, ist die Unterscheidung wichtig.


Ein Psychologe ist jmd. der einen wissenschaftlichen Abschluss in Psychologie gemacht hat z. B. einen Bachelor oder Master. Ohne weiteren Abschluss darf er nicht therapieren, sondern nur psychologisch beraten, z.B. durch ein Coaching. Psychologen arbeiten oft wissenschaftlich weiter oder gehen in die Wirtschaft. Dort können sie ihr Wissen z.B. dafür einsetzen, Supermärke zu beraten, indem sie Hinweise geben, wie man die Musik oder Einrichtung so gestaltet, dass viel gekauft wird. Auch in Personalabteilungen sind Psychologen willkommen u.a. für Bewerbungsgespräche. Der typische Psychologe ist also für den Erkrankten uninteressant.


Der Psychotherapeut dagegen macht die Gesprächstherapie. Je nach Zulassung muss man ihn privat bezahlen oder kann ihn auch über die Krankenkasse abrechnen. Dabei gibt es verschiedene Fachrichtungen bzw. Schwerpunkte. Eine Minderheit betreibt weiter die reine Psychoanalyse nach Freud. Hier liegt man immer noch auf der berühmt-berüchtigten Couch.
Da ich diese Methode sehr passiv finde und einige Bereiche von Freud als unbiblisch ablehne, gehe ich hier nicht weiter darauf ein.

Die weiteren Schwerpunkte sind die tiefenpsychologische Individualtherapie und die Verhaltenstherapie.

Die bibelorientierten Psychotherapeuten der Tiefenpsychologie orientieren sich dabei eher an Adler, da dieser die individuelle Verantwortung des Menschen mehr betont, während Freud Menschen stärker als „Opfer ihrer Umwelt“ darstellt. Gemein ist beiden, dass sie davon ausgehen, dass wir viele Prozesse zur Verarbeitung von Problemen in der Kindheit erlernen, vor allem in den ersten sieben Jahren.

Diese Annahme ist auch durchaus biblisch. Samuel wuchs z.B. bei seinem Ziehvater Eli auf, dessen Verhalten und noch mehr das seiner Söhne äußerst fragwürdig war. Dennoch blieb Samuel Gott treu, da ihn seine Eltern die ersten Jahre geprägt hatten. Ähnliches haben wir bei Joseph in Ägypten oder Mose beim Pharao. Die Bibel legt sehr viel Wert darauf, dass die Kinder früh mit dem Wort Gottes in Kontakt kommen. Trotzdem brauchen wir die Gnade Gottes, um treu zu bleiben, sodass es auch Fälle gibt in denen die Söhne treuer Eltern böse lebten. Hier kann man die Söhne von Samuel nennen oder Manasse, den Sohn des Königs Hiskia.


Es geht aber gar nicht in erster Linie um gut oder schlecht, sondern darum, ob die gelernten Methoden als Erwachsener noch hilfreich sind. Betrachten wir nochmal das Beispiel der Kriegsgeneration: In Städten, auf die es Bomben regnet, schaltet man auf den Überlebensmodus. Die Kinder merken, dass die Eltern unter Stress stehen, das Überleben zu sichern. Für Gefühle wie Trauer, Wut, Verliebtheit u.a. bleibt da oft keine Zeit und Kraft. Viele Verdrängen daher die Gefühle, um nicht „kaputt zu gehen“. Dieser Modus setzt sich fest. Das kann aber dazu führen, dass man Gefühle auch nach dem Krieg nicht mehr spürt. Man entwickelt eine gewisse Abgestumpftheit. Manche reagieren auch gegenläufig und werden dann von ihren Gefühlen in Situationen übermannt, in denen sie sie gerne nicht zeigen würden. 


Dieser Modus führt also in der Welt der Nachkriegszeit zu Problemen. Man möchte vielleicht in der Ehe über Gefühle reden, weiß aber nicht wie. Oder man möchte nicht bei bestimmten Themen losweinen, kann es aber nicht steuern. Diese Modi sind allerdings im Unterbewusstsein verankert. Man kann selbst nicht herausfinden, woran manche Dinge liegen. Man kann das mit Magenschmerzen vergleichen. Das Symptom macht sich bemerkbar, aber ob es ein Tumor, ein Magengeschwür oder ein entzündeter Blinddarm ist, wird man ohne fremde Hilfe nicht herausfinden. Der Psychotherapeut ist in gewisser Weise das MRT der Psyche.

(Neben den hier beschriebenen Modi der Verdrängung, einer Art gedanklichen Flucht, gibt es auch noch den des Angriffs, den der Erstarrung und weitere. Es kann sein, dass ein durch starke Gewalt missbrauchtes Kind lernt sich zu wehren. Doch diese aggressive Form der Krisenbewältigung, kann später zu einem Problem werden, da man sie auch auf seine eigenen Kinder anwendet. Das Opfer wird dann zum Täter. Ein anderes Kind erstarrt oder flieht. Als Erwachsener braucht es aber andere Modi, um z.B. ein Gespräch mit dem Vorgesetzten konstruktiv führen zu können und auch mal Kritik zu äußern. Diese Beispiele sind sehr vereinfacht dargestellt, aber geben vielleicht eine Idee davon, warum die Kindheit ein wichtiger Teil der Psychotherapie ist.)


Da der Psychotherapeut nicht weiß, welchen Modi der Patient gelernt hat und Menschen individuell sehr verschieden sind, dauert es in der Regel länger, um Ergebnisse zu erzielen. Der Psychotherapeut versucht durch erlernte Techniken herauszufinden, welcher Modus aus der Kindheit die Schwierigkeiten hervorruft. Dies wird durch Fragen und kreative Techniken wie Malen oder Imagination und andere Methoden unternommen. Es ist auch daher ein zeitintensiver Prozess, da man zwischen den Sitzungen Zeit braucht, um zu reflektieren. Ähnlich wie unbenutzte Muskeln beim ersten Bodybuilding, werden Gefühle geweckt, die man ggf. schon Jahrzehnte unterdrückt hat. Folglich ist man sich nicht immer sicher, was man genau spürt. Ist es Trauer, Verzweiflung, Wut oder Angst? Daher sind Pausen wichtig.


Es ist auch wichtig zu wissen, dass es dabei (im Gegensatz zu den Vorurteilen in der Gesellschaft) nicht um Schuld geht. Da sich diese Modi aber in der Kindheit herausbilden, werden sie besonders schnell dort schädlich, wo es Probleme in der Eltern-Kind-Beziehung gab oder gibt. Einem guten Psychotherapeuten geht es nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern seinem Patienten/Klienten in der Gegenwart zu helfen. 

Manche haben exakt das Gleiche erlebt, aber den einen belastet es nicht, während der andere darunter leidet. Sie haben die gleichen Eltern, aber nur einer braucht die Therapie, weil er in der Gegenwart damit nicht klarkommt. Sollte schuldhaftes Verhalten die Ursache sein, so ist die Schuld bei Gott im absoluten Sinn für beide Kinder gleich. Wenn Eltern ihre Kinder belügen und eines kommt damit besser klar als das andere, dann bleiben beide Lügen vor Gott eine Sünde. Ich hoffe damit verdeutlicht zu haben, dass man die moralischen und gesundheitlichen Aspekte auseinander halten muss.


Es ist sogar so, dass die Vergebung unter nicht christlichen Therapeuten eine Renaissance erlebt. Unabhängig vom moralischen Aspekt hat man gemerkt, dass Rache- und Hassgefühle belasten. Vergebung heißt dabei oft nicht, dass man in das krankmachende System zurückkehrt, sondern es bedeutet, dass man einen inneren Abschluss gefunden hat und den Fokus wieder nach vorne richten kann.
(Hierbei ist bemerkenswert, dass die Weltliteratur die Auswirkungen von Rache ziemlich treffend beobachtet hat. Die meisten Rächer haben den Typus „einsamer Wolf“ und sind am Ende ihrer Rache auch ziemlich allein. Das gilt für den Graf von Monte Christo ebenso, wie für „Mundharmonika“ im Film „Spiel mir das Lied vom Tod“. 
In der Bibel sieht man noch präziser die Auswirkungen von Rache. König Saul, dessen Rachegelüste gegenüber David zudem noch unbegründet waren, ist von Misstrauen und Ängsten geplagt. Er nimmt ein tragisches Ende. Joseph dagegen, dessen Rache an seinen Brüdern begründet gewesen wäre, vergibt ihnen lieber und endet versöhnt und glücklich. (Rauchen ist ungesund für den Rachen. Rache ist ungesund für die Psyche. Sorry, aber diese Wortspiel wollte ich irgendwie unterbringen :-))


Vor diesem Hintergrund ist es daher erstmal nicht so wichtig, ob der Psychotherapeut Christ ist. Es ist schön und in manchen Fällen vereinfachend, da man weniger erklären muss, z.B. warum man vor der Ehe keinen Sex hat o.ä. Aber für viele Mechanismen ist es wie beim Zahnarzt. Es ist schöner wenn er gläubig ist, aber für eine Heilung nicht unbedingt erforderlich. Wichtig ist ein Vertrauensverhältnis und die Akzeptanz des Glaubens von Seiten des Therapeuten. Daher kann es sein, dass man den Therapeuten nach einigen Stunden nochmal wechselt, wenn man merkt, dass diese Punkte nicht vorhanden sind.

Natürlich haben geistliche Probleme eine größere Schnittmenge mit psychischen Problemen als Zahnschmerzen, daher ist es praktisch, wenn der Psychotherapeut gläubig ist. Geistliche Probleme sind aber in erster Linie ein Thema für die Seelsorge. Daher ist es gerade bei einer schweren Erkrankung manchmal nützlich, beides zu trennen. Beim Psychotherapeuten arbeitet man eher selbstkritisch an den Problemfeldern, während der Seelsorger oft gar nicht therapieren darf, da er keine entsprechende Ausbildung hat. Er kann aber mit Hilfe des Herrn, der Bibel und unter Leitung des Geistes aufbauen, Mut machen, helfen Sünden zu bereinigen oder Verletzungen durch andere zu vergeben. Auf die Zahnschmerzen bezogen ist der Therapeut eher der, der bohrt oder den Zahn zieht. Der Seelsorger ist dagegen der Apotheker oder der Angehörige zu Hause, der Trost spendet, heilende Medizin verschreibt oder einfach mal die Hand hält.



Die Verhaltenstherapie fragt im Vergleich zur Tiefenpsychologie weniger, woher die Probleme kommen, sondern gibt Methoden an die Hand, die im Alltag Abhilfe schaffen. (Es gibt auch psychische Erkrankungen, z.B. bei schwerer Schizophrenie mit Psychosen bei denen nur eine Verhaltenstherapie infrage kommt, da eine tiefenpsychologische Therapie einen Rückfall herbeiführen könnte.) Falls jmd. z.B. Angst- / Zwangsstörungen hat, gibt die Verhaltenstherapie Hilfsmittel an die Hand, die schnell helfen sollen. Dies können z.B. Atemtechniken sein, die bei Panikattacken für Beruhigung sorgen oder andere Entspannungstechniken wie die progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson. Neben diesen körperlichen Übungen arbeitet man auch viel kognitiv. Manchmal ist eine Angst in Gedanken so groß geworden, dass sie einen so weit einschränkt, dass man seinen Alltag nicht mehr meistern kann. Hier kann ein Therapeut helfen, die Angst wieder in Proportion zur realen Gefahr zu setzen, die Angst auszuhalten oder diese im besten Fall ganz nehmen. 


Es gibt unter Patienten eine satirische Beschreibung der Vor- und Nachteile beider Therapien:
 „Die tiefenpsychologische Therapie erklärt, woher dein Problem kommt, gibt dir aber keine Lösung. Die Verhaltenstherapie gibt dir eine Lösung, erklärt aber nicht, warum du überhaupt ein Problem hast.“

Das ist sicher eine Überspitzung, hat aber einen wahren Kern. Aufgrund dessen werden beide Methoden von Therapeuten auch durchaus kombiniert. Des Weiteren gibt es schon in der Lehre Überschneidungen, z.B. beim Arbeiten mit dem inneren Kind. Ambulant haben die meisten Therapeuten einen klaren Schwerpunkt. Im klinischen Bereich wird man in der Regel Anwendungen aus beiden Therapierichtungen bekommen. (Zur klinischen Psychiatrie wird es einen Extrablog geben.) Wem also das Kindheits-Thema zu suspekt ist, der kann trotzdem einen Verhaltenstherapeuten in Anspruch nehmen.



Als letztes bleibt der Psychiater. Der Psychiater ist ein Arzt und daher auch oft mit einem Doktortitel versehen. Bei einem akuten Klinikfall ist der Arzt zudem oft der erste Psychotherapeut. In einer Reha-Maßnahme sind Psychiater und Therapeut dagegen eher getrennt. Das Gleiche gilt für ambulante Ärzte. Der Psychiater ist derjenige der die medizinische Betreuung übernimmt. Das bedeutet, dass er Medikamente verschreibt, Blutspiegel macht oder ihre Auswertung beim Hausarzt veranlasst, um daraus weitere Schlüsse zu ziehen. Er ist auch der erste Ansprechpartner für Aufgaben offiziellen Charakters. Dies kann die Krankschreibung sein, aber auch die Beantragung einer Reha oder die Beantwortung von Fragen von Gutachtern der Kranken- oder Rentenversicherung. Viele Psychiater sind so ausgelastet, dass sie keine längeren Therapiegespräche mehr anbieten, sondern sich auf die oben beschriebenen Aufgaben spezialisieren.

Bei einer akuten Ersterkrankung ist der Psychiater am Anfang oft der wichtigste Ansprechpartner, da er durch die Medikamente und Überweisung an die richtigen Stellen mehr zur schnellen Stabilisierung beiträgt. Sobald man dann „aus dem Gröbsten raus ist“, rückt der Psychotherapeut mehr in den Fokus, um zu reflektieren, wie es zur Erkrankung kam und um einen Rückfall unwahrscheinlicher zu machen.

 

Fazit:
Die Psychotherapie wird zu Unrecht verunglimpft. Es gibt gute und schlechte Vertreter der Zunft, so wie bei allen anderen Berufsgruppen auch. Zum schlechten Image bei überzeugten Christen haben diverse, oben beschriebene Dinge beigetragen. Ein Grund ist auch der, dass man glaubt ein Psychotherapeut müsste besonders glücklich sein, da er ja alles weiß, um im Gleichgewicht zu sein. Dazu müssten seine Kinder besonders gut gelingen. Dies ist natürlich nicht der Fall.

Zum einen ist der Psychotherapeut genau so blind für seine Modi wie der Patient auch. Daher haben Psychotherapeuten selbst einen Psychotherapeut (Supervisor), mit dem sie über ihre Fälle, aber auch persönlichen Probleme sprechen. Zum anderen führt Wissen nicht immer zum adäquaten Verhalten. Wie oft wissen wir Dinge aus der Bibel und tun sie trotzdem nicht.


Genau wie ein Fahrlehrer auch mal zu schnell fährt, Lehrerkinder die Schule schwänzen oder ein Pastor Rachegefühle bekommt, so macht auch der Psychotherapeut oder Psychiater Fehler. Er kann zudem auch selbst psychisch erkranken, z. B. an einer Angststörung oder Verhaltensweisen entwickeln, die für seine Kinder zum Problem werden. Schon die Pioniere Freud, Adler und Jung machten Dinge, die ihrer Theorie und ihrer Verantwortung als Ärzte nicht entsprachen. Freud hatte z.B. Beziehungen mit Patientinnen, was heute berufliche und rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Der geistliche Schaden war noch viel größer.

Jeder noch so geistliche Psychotherapeut braucht wie wir alle, die tägliche Gnade Gottes, für sich und seinen Umgang mit seinem Ehepartner und seinen Kindern. Ich persönlich habe gute Erfahrungen mit gläubigen und weltlichen Psychotherapeuten gemacht. Bei längeren Aufenthalten in Kliniken, war ein gläubiges Umfeld wohltuender als das in anderen, aber Hilfe bekam ich überall. Es gab viele positive und einige negative Erfahrungen und die gemachten Erkenntnisse sorgen dafür, dass ich nicht nur mit meiner Krankheit besser umgehen kann, sondern dass mir der Umgang mit Menschen insgesamt deutlich leichter fällt, da ich gewisse Verhaltensmuster leichter durchschauen und mich entsprechend darauf einstellen kann.

Daneben war für mich sehr wertvoll, dass ich neben der Therapie auch einen wunderbaren Seelsorger gefunden habe. Dieser hat mich geistlich oft aufgebaut und gestärkt, gerade wenn es in der Therapie darum ging, manches Destruktive zu erkennen. Diesen Ausgleich habe ich immer sehr geschätzt. In guten Zeiten ist der Kontakt loser, aber in Krisenzeiten habe ich unabhängig von Ärzten und Therapeuten einen konstanten Ansprechpartner, bei dem ich nicht ganz von vorne anfangen muss und der daher schnell und wirksam helfen kann. Falls mal nicht, so unterstützt er meine Therapie durch Gebet.


Psychologie ist nicht nur etwas für Kranke! Meine Erfahrung ist die, dass gerade in konservativen, bibelorientierten Kreisen, das Basiswissen dem Standard der Gesellschaft weit hinterherhinkt. Vielleicht liegt das daran, dass bei allen negativen Aspekten der Filmindustrie, Hollywood hier eine gewisse Aufklärung geschaffen hat. Jeder der einen Hirten oder Seelsorgedienst in der Gemeinde versieht, sollte Grundkenntnisse haben, um ggf. seine Grenzen zu sehen und an „Profis“ abzugeben.

Aber auch der Ältestendienst wäre viel einfacher, wenn man die Grundprinzipien der Psychologie verstehen würde. Ich habe oft erlebt, dass man versucht hat mit seiner eigenen Logik zu überzeugen anstatt zu hinterfragen, warum das Gegenüber anders denkt und handelt. Die Situation war nachher sogar manchmal noch schlimmer. Ein Basiswissen würde auch dazu führen, dass man bei Aufgaben die bestmögliche Person für einen Dienst schneller finden würde. (Das Gott manchmal nicht der menschlichen Logik folgt, bleibt bestehen, aber der Verstand muss nicht ausgeschaltet werden.)
Es ist sicher auch ein Generationenthema, die jüngste Generation (GenZ) gilt als besonders offen und kommunikativ. Dies kommt vielleicht daher, dass sie viel über Medien kommuniziert, bei denen die Hemmschwelle über Probleme zu berichten niedriger ist, als im direkten Kontakt.


Es muss aber nicht am Alter liegen:
Ich erinnere mich gerne an einen Doktor der Physik und Abteilungsleiter bei Bayer. Als er in Rente ging, spürte er, dass Gott ihm die Aufgabe gab, Ältere zu besuchen und zu ermutigen. Dabei machte er die Entdeckung, dass diese über ihre Gefühle, er aber kaum über seine sprechen konnte. Er besuchte dann ein entsprechendes Seminar. Dieses Maß an Selbstreflexion, ständiger Lernbereitschaft und geistiger Flexibilität ggü. etwas völlig Neuem hat mich sehr beeindruckt.