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In der Psychiatrie
(Foto: Hans 2 @ uebermorgen.com)
Wohl kaum ein Ort ist so gefürchtet wie die Psychiatrie. Zu einem ambulanten Therapeuten zu gehen, kostet schon viel Überwindung. Eine Rehaklinik aufzusuchen ist noch schwerer und viele lassen sich ggü. Kollegen eine orthopädische Begründung einfallen, um nicht sagen zu müssen, dass sie in einer psychosomatischen Klinik sind. Doch der größte Schrecken ist die Psychiatrie für akute Fälle.
Wenn man sich vor Augen hält, dass es wirksame Therapien erst seit zweihundert Jahren gibt, dann ist der „Horror“ einer psychischen Erkrankung nachzuvollziehen. Gerade bei Schizophrenie mit psychotischen Schüben, multipler Persönlichkeit und anderen Störungen, die den Menschen als Persönlichkeit stark verändern, wurden Erkrankte oft zu Außenseitern der Gesellschaft. Entweder sie landeten stark medikamentös oder sogar operativ sediert in Verwahrungsanstalten oder sogar noch schlimmer, gefesselt in den Hinterhöfen von Slums. Versteckt vor der Gesellschaft und nur mit dem nötigsten Essen versorgt, vegetierten Menschen so vor sich hin.
Die Bibel zeichnet ein ähnliches Bild. Der von Dämonen besessene Gardarener, dessen Symptome einer Psychose ähneln, sollte durch Fesseln gebändigt werden. Als auch das misslang, blieb für ihn nur ein Platz auf dem Friedhof. Psychische Krankheiten werden von der Bibel kaum erwähnt. Am ehesten deuten das Buch Hiob oder die Psalmen auf depressive Phasen hin. Die bekannte Geschichte von Elia unter dem Ginsterstrauch geht in die gleiche Richtung, war aber nur eine kurze Episode.
Das es auch Psychosen gab, wird aber in der Geschichte Davids bestätigt. Als dieser zu Achis dem König von Gat kam und als Feind erkannt wurde, spielte er einen Wahnsinnigen. Der König lässt ihn daher entfernen, mit den Worten: „Siehe, ihr seht einen wahnsinnigen Mann; warum bringt ihr ihn zu mir? Fehlt es mir an Wahnsinnigen, dass ihr diesen hergebracht habt, um sich bei mir wahnsinnig zu gebärden? Sollte der in mein Haus kommen?“ (1. Samuel 21,15f. – CSV-Elberfelder)
Es gab also eine beträchtliche Anzahl Wahnsinniger und dies nicht nur bei den Philistern. David musste das Vorbild für seine Schauspieleinlage in Israel beobachtet haben.
Hollywood-Filme, wie „Einer flog über das Kuckucksnest“ oder „Shutter Island“ haben in der Neuzeit dazu beigetragen, dass die Psychiatrie weiter eine „Horrorvorstellung“ blieb. Einige Filme, wie z.B. „A beautiful Mind“, zeigten dagegen ein realistischeres Bild und sorgten für etwas Aufklärung.
Was aber lange Zeit blieb, war das Stigma. Wer in der „Irrenanstalt“ oder „Klapse“ war, wurde bestenfalls für schwach oder seltsam gehalten. In schlimmeren Fällen sah man in ihm gar einen potenziellen Killer, der Flugzeuge absichtlich in den Boden steuern oder mit Vollgas über den nächsten Weihnachtsmarkt fahren würde. In der Vorstellung der Allgemeinheit war die Psychiatrie ein Ort für Menschen mit asozialen Biografien oder Drogensüchtige, die sich das Gehirn wahlweise kaputt gesoffen, gespritzt oder gekokst hatten.
Erst durch den Suizid des Torwarts Robert Enke, sowie das „Outen“ von Prominenten wie den Komikern Thorsten Sträter und Kurt Krömer oder des Fußballers Andrés Iniesta, als psychisch krank, wurde das Bild in der Öffentlichkeit etwas verändert. Durch die Zunahme von psychischen Erkrankungen durch Erschöpfungsdepressionen (Burnouts), durch Stress in Beruf und Schule oder durch besondere Belastungen wie die Corona-Maßnahmen, kennen mittlerweile auch mehr Personen, psychisch Erkrankte aus ihrem direkten Umfeld.
Die Allgemeinheit hat dadurch realisiert, dass es jeden treffen kann und nicht nur gesellschaftliche Randgruppen und dass Erfolg nicht zwangsweise ein Erkranken verhindert. Dennoch ist noch viel an Aufklärung zu leisten. Wenn man auch nicht mehr so viel öffentlich über die „Irren“ spottet, so ist hinter vorgehaltener Hand durchaus noch manches an Vorbehalten da.
Gute Literatur um sich unterhaltsam aufzuklären sind u.a. folgende Bücher:
„Irre! Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen“
von Manfred Lütz
Diese Buch zeigt, dass psychische Kranke die sich behandeln lassen, nicht das gesellschaftliche Problem darstellen, sondern die Gesunden oder Kranken, die ihr Ego auf Kosten anderer ausleben und dafür noch gefeiert werden.
Ich bin bekloppt ... und ich bin nicht der Einzige: Mein Weg aus der Psychokrise
von Kester Schlenz
Diese Buch ist sehr wertvoll, da es aus Sicht eines zwangserkrankten Top-Journalisten, die Schritte beschreibt, die ein erstmalig Erkrankter durchlebt. So wird z.B. ein Therapiegespräch skizziert oder die Besuche beim Psychiater. Auch das Gefühl eines Reha-Aufenthalts wird realitätsgetreu, aber gleichzeitig mit viel Humor geschildert. Es braucht viel Mut, um so ein Buch zu schreiben!
"Willkommen in meiner Seele"
von Josefine May
Diese Buch ist etwas Besonderes. Die meisten können sich an eine Psychose nicht richtig erinnern oder diese niederschreiben. Die Autorin, die ich persönlich kenne, kann es und hat diese kaum-nachvollziehbare Verwandlung der Persönlichkeit sehr packend geschildert. Sie erlitt eine Psychose u.a. in ihren Flitterwochen. Zusätzlich gibt es im Buch einen Abschnitt vom Ehemann, der schildert, dass eine solche Erkrankung auch das Leben der Angehörigen einschneidend verändert. Dazu findet sich hier auch die Perspektive des Glaubens und wie Jesus Christus durch solches Leid führen kann. Es wird daher von Ärzten für Ärzte und alle anderen empfohlen.
In der Psychiatrie
Mein erstes Mal war ich in der Psychiatrie, um einen Freund zu besuchen. Dieser hatte als Jugendlicher eine Psychose erlitten und ich besuchte ihn im Krankenhaus auf dem Weg zur Genesung. Zwar konnte ich mit ihm sprechen, aber Sprache und Verhalten waren durch die Medikamente sehr verlangsamt. Manches Benehmen war noch seltsam. Am allermeisten sind mir die Augen in Erinnerung geblieben. Man sagt zurecht, dass die Augen der Spiegel der Seele sind. Diese Augen zeigten etwas von dem wahnhaften Zügen der Schizophrenie und das Intelligente, Humorvolle, was diesen Freund auszeichnete, war verschwunden. Ich war froh wieder gehen zu können. Zum Glück war dieser Freund aber bald genesen und wieder der Alte. Das war eine gute Erfahrung. Später nahm er sich leider in einer depressiven Phase das Leben.
Schizophren zu sein bedeutet übrigens nicht, dass jemand mehrere Persönlichkeiten annimmt, wie es in Filmen und Literatur oft falsch dargestellt wird. Ein solch seltener Fall wäre eine multiple Persönlichkeitsstörung, auch Persönlichkeitsspaltung genannt. Eine Schizophrenie bedeutet, dass das Gehirn eine nicht-reale Welt vermittelt. Erkrankte leiden z.B. unter Verfolgungswahn, hören Stimmen oder sehen Schokolade vom Himmel regnen. Dies geht oft mit einer bipolaren Störung einher. Das bedeutet, dass der Kranke in der Psychose eine euphorische Stimmung hat. Er glaubt „die Welt bewegen zu können“ und besondere Erkenntnisse zu haben oder sieht sich als Anführer einer Widerstandsbewegung gegen die Verfolger. Bei Christen geht es manchmal auch einher mit Vorstellungen von Kämpfen gegen den Teufel, Dämonen oder dem Antichrist. Dies ist der euphorische Pol.
Kommt der Erkrankte dann zur Besinnung und in die Realität zurück, fällt er in eine tiefe Depression. Das Gehirn wurde während der Psychose äußerst stark beansprucht, oft geht die Euphorie mit Schlafmangel einher. Dazu kommt ein Schamgefühl, weil man merkt, dass man peinliche Dinge getan oder gesagt hat und in Wirklichkeit krank, statt ein auserwählter Retter war. Diese Phase des depressiven Pols ist gefährlich und dort passieren leider die meisten Suizide.
Diese andersartigen Augen bzw. das ganze Verhalten von psychotischen Kranken sind bisher immer noch das Herausforderndste, wenn ich auf einer Psychiatrie bin. Die schlimmsten Fälle sind in einer geschlossenen Abteilung der Psychiatrie, da sie eine Gefahr für sich und andere sein können. Hier müssen Kranke sogar manchmal fixiert werden. Gott sei Dank war ich nur als Besucher auf solchen Stationen, aber nie als Patient. Den Ärzten und Krankenschwestern oder -pflegern, die dort arbeiten kann man gar nicht genug Wertschätzung entgegen bringen.
Mit diesen Vorerfahrungen durch Besuche oder evangelistische Einsätze, war es für mich eine harte Erfahrung, als Patient in eine Psychiatrie zu müssen. In vielen Städten haben Psychiatrien Spitznamen. In einer Stadt nennt man sie „Fanta-Farm“, weil Alkoholsüchtige von Bier, Wein und anderen Getränken auf Fanta und Co. ausweichen müssen. In meiner Stadt heißt sie einfach die „Fünf“, weil die Station lange Zeit auf der fünften Etage des Krankenhauses untergebracht war.
Ich hatte mich beruflich so verausgabt, dass ich eine schwere Erschöpfungsdepression (umgangssprachlich Burnout) bekam. Während eines Urlaubs war ich so erschöpft, dass ich zeitweise den Löffel beim Essen nicht mehr in den Mund bekam. Der Urlaub musste abgebrochen werden und ich kam ins Krankenhaus. Eben noch Chef wurde nun meine Tasche darauf durchsucht, ob ich etwas Spitzes dabei hätte, womit ich mich umbringen könnte. Medikamente wurden nur unter Aufsicht ausgegeben und eingenommen. Auch wenn ich den Sinn dieser Maßnahmen verstand und das Personal meistens sehr nett und feinfühlig war, war das doch alles ziemlich demütigend. (Über meine persönlichen Gefühle und Erlebnisse in einem anderen Artikel vielleicht mal mehr).
Nun begannen die Therapien, die in allen Psychiatrien eine gewisse Ähnlichkeit haben, aber je nach finanzieller Ausstattung der Krankenhäuser schon verschiedene Qualitäten annehmen können. Ich schildere nun die Haupttherapieformen:
Die Einzelgespräch-Therapie:
Die Gesprächstherapie mit dem zuständigen Therapeuten (in Kliniken ist es manchmal gleichzeitig der Psychiater) ist die wohl wichtigste Therapie. Hier versucht der Therapeut die Schwere der Erkrankung einzuschätzen und ggf. Ursachen zu finden. Dies erfolgt parallel zu Untersuchungen, die eine körperliche Ursache entdecken oder ausschließen sollen. Hierzu gehört z.B. ein EKG, um die Herzfunktion zu prüfen, ein EEG, für die Messung der Hirnströme und andere Untersuchungen, die sich auch nach den psychosomatischen Beschwerden richten.
Dies sind durch die Psyche verursachte Beschwerden, die real, aber nicht immer messbar sind. Ein Patient hat Magen-, der nächste Herzbeschwerden, ein dritter Schwindel etc.. Falls nichts Organisches gefunden wird, kann man dann den Rückschluss ziehen, dass eine psychische Erkrankung vorliegt. Die Beschwerden sind trotz der Nicht-Messbarkeit keine Einbildungen, sondern reale Probleme.
Der Therapeut macht eine Anamnese, indem er den beruflichen und familiären Status aufnimmt und auf neuralgische Punkte oder genetische Vorbelastungen prüft. In der Akut-Psychiatrie passiert dies noch sehr oberflächlich. Er erklärt Neulingen, wie alles abläuft und man kann Fragen stellen. Die Gespräche dauern ca. 30-40 Minuten und sind ca. ein- bis maximal zweimal pro Woche.
Wieviel man sonst noch an Kontakt zu seinen Ärzten hat, hängt natürlich auch vom Versicherungsstatus ab. Man kann nur jedem empfehlen für das Krankenhaus eine Zusatzversicherung abzuschließen. Diese ermöglicht einen täglichen Kontakt mit dem behandelnden Arzt, was diesem ermöglicht schneller auf die Wirkungen von Medikamenten und Therapie einzugehen. Dies kann den Aufenthalt im Krankenhaus erheblich verkürzen.
Die Gruppen-Gesprächstherapie:
Es ist vermutlich nichts so klischeebehaftet, wie die Gruppentherapie. In den meisten Unterhaltungsfilmen läuft sie für einen Neuling so ab.
Die Gruppenleitung sagt an, dass es einen neuen Patienten gibt. Dieser soll sich dann vorstellen:
Patientin: „Hi, ich bin Jennifer und habe eine Angststörung!“
Gruppe zusammen: „Hi, Jennifer“
Gruppenleitung: „Jennifer, möchtest Du kurz schildern, wie Dein Problem begonnen hat?“
Je nach Komödie oder Drama wehrt sich Jennifer nun dagegen, oder sie erzählt etwas Ernsthaftes oder Witziges. Der Rest der Gruppe kommentiert die Erzählung und nachdem sie fertig ist, sagen die „alten Hasen“ der Gruppe etwas, was Jennifer aufbaut und bestätigen ihr wie unnütz sie die Therapie finden..
Diese Art der Gruppentherapie kommt eher von den Anonymen Alkoholikern oder aus dem amerikanischen Raum. Ich habe nie erlebt, dass es so abläuft und wäre mir auch ziemlich lächerlich vorgekommen. Aus diesen Gründen sind viele, (ich war es auch), der Gruppentherapie gegenüber zunächst sehr eingestellt.
In der Realität ist sie dagegen ein sehr effektives Mittel, um im Heilungsprozess voranzukommen. Viele Depressive haben keinen guten Zugang zu ihren eigenen Gefühlen. Wenn man aber nun die Geschichte eines anderen Patienten hört, kommt man schneller an Trauer, Zorn oder Mitleidsgefühle heran, weil man im Unterbewusstsein auf die Signale des Gegenübers wie Tränen, Gesichtsausdrücke oder Sprache reagiert.
Zusätzlich profitiert man als Neuling von den Erfahrungen länger Erkrankter und auch die Gegensätzlichkeit mancher Krankheitsbilder macht die Gruppentherapie aus. Der Hilflose lernt, dass man Dinge auch durch Angriff lösen kann. Der Aggressive, dass es besser ist, seinen Zorn zu kontrollieren oder an der richtigen Stelle abzulassen. Für viele ist es bereits eine Erleichterung festzustellen, dass andere die gleichen Probleme haben. Dadurch versteht man, dass man nicht verrückt ist oder ein besonders individueller, schwerer Fall. Die Heilungs- und Verbesserungserfahrungen der Arrivierten, motivieren dazu, Geduld zu haben und nicht aufzugeben.
Vom Ablauf ist es meistens so, dass sich alle am Anfang kurz mit Namen vorstellen, da in Akut-Kliniken die Patienten selten von Sitzung zu Sitzung die gleiche Zusammensetzung haben. In Intensivtherapie-Stationen dagegen, bleibt die Zusammensetzung konstanter und man kann noch tiefer in Probleme eintauchen. Im Gegensatz zum obigen Hollywood – Klischee sagt man in der ersten Stunde in der Regel gar nichts. Man bekommt Zeit, sich alles einfach mal anzugucken. Auch danach habe ich es nie erlebt, dass einer gezwungen wurde etwas zu sagen.
Die Gruppentherapie kann dabei verschieden ausgestaltet sein. Oft ist es so, dass ein Patient ein Thema einbringen kann. Gibt es mehrere Wünsche wird abgestimmt, was zuerst behandelt werden soll. Mehr als zwei Themen schafft man in der Regel nicht. Wenn der Therapeut feststellt, dass viele Patienten mit einem bestimmten Thema Schwierigkeiten haben, z.B. Schlafstörungen, dann kann es auch sein, dass er dieses Thema mal vorgibt oder einen kurzen Fachvortrag mit entsprechenden Hilfsmitteln hält.
Manchmal gibt es auch vorgegebene Szenarien, ähnlich einem Coaching in einem Unternehmen. Dabei nehmen die Teilnehmer Rollen ein, was hilft von der Theorie in eine praktische Situation zu kommen und sehr plastisch an ein Problem heranzugehen.
Da ich ein kommunikativer Typ bin, habe ich die Gruppentherapie schnell schätzen gelernt und hatte teilweise sogar Spaß daran, da man sehr viel über sich und die Menschen im Allgemeinen lernt. Das dort Gelernte hat mir im Zusammenleben mit Menschen viel geholfen, weit über meine Krankheit hinaus. Andere tun sich mit der Gruppentherapie schwerer, vor allem Patienten aus Schamkulturen. Besonders männliche Muslime, die im Deutschen noch nicht sattelfest sind, haben eine doppelte Barriere (Kultur und Sprache) sich in einem solchen Kreis zu öffnen.
Hier kann die Gruppe aber helfen, dass sie Vertrauen gewinnen. Einem Muslim auf meinem Zimmer habe ich mal über Ehrgeiz und Belohnung „geködert“. Ich versprach eine Pizza zu bestellen, wenn er in der Gruppentherapie sein Problem benennen würde. Ich würde auch aushelfen, wenn er sprachlich nicht weiter käme. Als er das dann tat, öffneten sich auch die anderen Muslime und am Ende weinten und lachten wir alle zusammen, weil wir uns kulturell und menschlich näher gekommen waren. Es war eine von vielen guten Erfahrungen mit der Gruppentherapie.
Andere waren auch schmerzhaft, aber brachten gerade deshalb weiter. Je ehrlicher die Gruppe in Lob und Kritik miteinander umgeht, desto mehr profitieren alle. Die Therapeuten werden eingreifen, falls Kritik verletzend wird oder einen solchen Fall als weiteres „Schulungsmaterial“ nutzen.
Eine Gruppentherapie ist daher Vieles, aber bestimmt nicht lächerlich und man sollte sie nutzen, wenn man die Chance bekommt.
Weitere Therapien:
Da auch der Körper vor oder während der psychischen Erkrankung gelitten hat, gibt es Sporttherapien. Dies können aktivierende Dehnübungen am Morgen sein, Mannschaftssport, Wassersport oder Einzelsportarten. Dies soll helfen den Körper fitter zu machen, besser zu spüren oder Dinge die mal Spaß gemacht haben, wieder neu zu entdecken. Es gibt auch kombinierte Übungen für Körper und Seele, wie z.B. einen Achtsamkeitsspaziergang. Spazieren gehen oder nicht überforderndes Wandern wirken heilend bei psychischen Krankheiten, da das Gehirn dabei die Gedanken sortiert und der Körper eine gesunde Müdigkeit aufbaut.
In der Ergotherapie kann man ebenfalls den Spaß an alten Talenten wiederentdecken. Hier kann man kreativ arbeiten, z.B. mit Holz, Speckstein oder Ton und sich und seine Gefühle ausdrücken. Das Malen von Bildern kann dabei helfen, Unterbewusstes sichtbar zu machen. Man kann die Ergotherapie also intensiv therapeutisch nutzen oder einfach etwas für sich oder seine Angehörigen anfertigen.
In der Musiktherapie wird auf dreierlei Arten gearbeitet:
Bei der ersten Variante gibt der Therapeut ein Stück vor oder die Patienten bringen ein Musikstück mit. Bei einem vorgegebenen Stück wird nach dem Abspielen darüber gesprochen, wie es jeder empfunden hat. Da die Vorgabe fast nie den Geschmack aller trifft, treten ganz unterschiedliche Gefühle auf. Dadurch denkt man mehr über die eigenen Empfindungen nach und merkt nebenbei, dass Gefühle oft nicht in richtig oder falsch einzuordnen sind. Sie sind viel mehr ein Teil der Persönlichkeit und die Folge der eigenen Biografie und somit sehr individuell und unterschiedlich zu anderen Menschen.
Bei Variante Zwei bringt ein Patient einen Song mit der ihm etwas bedeutet. Anschließend wird darüber gesprochen, was den Patienten mit dem Stück verbindet und was die anderen dabei empfinden.
Bei der dritten Art der Therapie machen die Teilnehmer selbst Musik.
Allgemeine Aufgaben
Da die Patienten auf psychiatrischen Stationen mehrere Wochen verbringen, werden (außer bei einer Reha) einige Dinge selbst organisiert. Küchen- oder einige Reinigungsdienste, kleinere Protokolle oder die Organisation von Verabschiedungen oder Ausflügen werden im Wochenwechsel vergeben. Daneben gibt es auch kleinere Hausaufgaben, wie fünfminütige Präsentationen für die Gruppentherapie oder das Führen eines Tagebuchs. Diese Aufgaben bezwecken, dass man wieder einen strukturierten Tagesablauf bekommt und in einem geschützten Rahmen ausprobieren kann, wie sich Belastungen auf die Psyche auswirken.
Es gibt noch weitere Therapien, aber das soll als Eindruck reichen.
Freizeit
Der längere Aufenthalt bringt auch mit sich, dass man einige Wochenenden auf der Station verbringt. Die Kliniken haben mehrere Ansätze, wie diese verbracht werden. Da psychische Erkrankungen ihre Ursache oft in familiären, kollegialen oder nachbarschaftlichen Beziehungen haben, hat man am Anfang manchmal eine Kontaktsperre. Wenn die Situation geklärt ist oder man eine Grundstabilität erreicht hat, ist am Wochenende Besuch möglich. In manchen Kliniken können Patienten über das Wochenende auch nach Hause. Sollte es Konflikte in der Familie geben die kurzfristig zu klären sind, werden manchmal auch die Angehörigen zu einer Gesprächstherapie dazu geholt. Ansonsten ist die Freizeitgestaltung nicht vorgegeben.
Als Gruppe oder je nach Entfernung auch allein, kann man einkaufen gehen, Sport machen, Filme oder Fernsehen gucken, je nach Ausstattung sich etwas Eigenes kochen oder an Spieleabenden teilnehmen. In bibelorientierten Psychiatrien gibt es auch die Möglichkeit an Gottesdiensten, Worship-Abenden oder selbst organisierten geistlichen Angeboten teilzunehmen. Es gibt auch immer wieder Highlights durch externe Gäste oder Ehemalige.
Die Psychiatrie – einer der ehrlichsten Orte der Welt
Psychiatrien sind Orte voll mit seelischem Leid. Und dennoch haben sie auch eine positive Faszination, die man Außenstehenden nur sehr schwer erklären kann. Während man im Berufsleben, aber leider auch oft in der Gemeinde, bemüht ist die beste Version von sich zu zeigen, gibt es auf der Psychiatrie bei fast jedem einen Punkt, an dem er zusammenbricht und sich nicht mehr verstellen kann und will. Man sieht die Menschen ohne seelische „Schminke“.
Ich habe harte Kerle gesehen, die auf Entzug weinend in ihrer Kuscheldecke lagen. Narzissten, die unter Tränen zugaben, dass sie sich für sehr schwach hielten und sich nur etwas Anerkennung wünschten. Männer und Frauen, die Jahre nicht mehr geweint hatten, konnten plötzlich ihren Tränen freien Lauf lassen und begabte Pastoren und Älteste, die unter Schuld oder Heuchelei zusammenbrachen.
Dieser spezielle „Cocktail“ führt dazu, dass man zu vielen eine sehr tiefe Verbindung aufbaut. Das Erleben von solchen Extremen vergleicht Kester Schlenz mit der Verbindung von Soldaten, die eine gemeinsame Schlacht überlebt haben. Dies ist vielleicht etwas hoch gegriffen, aber in der Richtung passend. Die ehrliche Kritik die man erfährt, bei gleichzeitiger Wiederaufrichtung ist etwas ganz Besonderes. Manche Gruppentherapien ich ich miterleben konnte waren „legendär“.
Während eines Aufenthaltes wollte ich irgendwann keinen Besuch mehr von außen haben. Es wäre mir zu schwer gefallen zu erklären, was in mir vorging und ich brauchte am Wochenende Ruhe, um die Eindrücke zu verarbeiten. Was man aus dieser Gruppendynamik mitnimmt, geht weit über die Heilung oder Verbesserung der Krankheit hinaus.
Zur Wahrheit gehört auch dazu, dass diese Verbindungen hinterher nicht die gleiche Intensität behalten. Bei manchen hat man das Gefühl, dass sie sich etwas schämen, weil sie sich so geöffnet haben, andere wohnen weit von einem weg und das Alltagsleben lässt diese Kontakte oft wieder einschlafen. Andere halten jedoch den Kontakt und fahren zu Ehemaligen-Treffen. Das bleibt jedem selbst überlassen.
Diese Faszination macht auch vor dem Personal nicht halt und zu Einigen baut man eine schöne Beziehung auf, da sie ein offenes Ohr haben und helfen, wenn Ärzte und Therapeuten keine Zeit haben. In einer Klinik hatten auch die Auszubildenden einen Einsatz auf der Psychiatrie. Da viele Krankenschwestern und -pfleger durch Arztserien, Filme oder Erzählungen Anderer zu ihrer Berufswahl inspiriert wurden, hatten viele keine Lust auf die „Psychos“ und ließen sich das auch anmerken.
Andere waren sichtlich überfordert, da ihnen Einiges mulmig vorkam. Für sie war das keine „richtige“ Station und sie wollten verständlicherweise lieber auf chirurgische, orthopädische und andere Stationen mit körperlichen Erkrankungen. Hinzu kam, dass sie am Anfang nicht viel machen konnten, da es wenig zu verbinden, zu pflegen, zu gipsen oder zu messen gab.
Doch bei der überragenden Mehrheit änderte sich die Meinung um 180 Grad und bei der Verabschiedung flossen nicht selten Tränen. Durch die Länge der Aufenthalte, hatten sie Patienten viel intensiver kennengelernt als auf anderen Stationen. Noch wichtiger aber war, dass sie verstanden, dass die „Psychos“ keine verrückten Spinner sind, sondern sehr oft besonders sensible, nette oder zumindest ziemlich normale Menschen, die nur leider schwer erkrankt sind.
Der größte Schatz aber war, dass sie etwas über sich selbst lernten. Manche hatte schon eigene Erfahrungen mit psychischen Krisen, durch zerbrochene Beziehungen, Todesfälle oder Stress hinter sich. Ein Borderline-Syndrom, eine Depression oder Zwangserkrankung fängt manchmal schleichend an. Nun lernten sie auf Warnhinweise von Körper und Seele zu achten und hatten eine Idee davon, was mit ihnen oder psychisch erkrankten Angehörigen los war. Wer also die Chance hat, auf so eine Station zu kommen, sollte sie unbedingt nutzen.
Viele Clowns haben eine traurige Seite
Man sagt, dass Clowns zur Melancholie neigen. Auf der Psychiatrie ist das eine positive Nachricht. Wo so viele traurige Menschen sind, müssen logischerweise auch ein paar Clowns dabei sein.
Obwohl die Psychiatrie gerade am Anfang ein sehr herausfordernder und schwerer Ort sein kann, wird dort mehr gelacht als man vermuten würde. Insbesondere wenn man eine gewisse Stabilität erlangt und Freundschaften geschlossen hat. Durch die vielen liebenswerten Marotten der Einzelnen kommt es zu komischen Situationen und einer guten Prise schwarzen Humors.
In einer Psychiatrie stand vor dem Aufzug eine Tischtennisplatte. Da der Aufzug manchmal aufging, wenn er von anderen Etagen kam, spielten wir „verrückt“ und Rundlauf ohne Ball. Die Blicke der Besucher waren unbezahlbar.
Ein anderes Mal war es im Sommer sehr heiß und die Fenster standen alle auf. Jemand in der geschlossenen Abteilung war noch verwirrt und rief öfter um Hilfe ohne etwas Ernstes zu haben, weshalb ihn die Schwestern eine Zeit lang rufen ließen.
Ein anderer Patient hörte nicht mehr so gut und war örtlich noch desorientiert. Er glaubte er wäre im Fußballstadion. Immer wenn der eine Patient „Hilfe“ rief, schrie der andere laut „Bochum“ zurück. Für ihn spielte gerade „Hilfe“ gegen „Bochum“ und da wollte er seinen VfL als treuer Fan nicht im Stich lassen. Auch wenn uns die verwirrten Patienten leid taten, mussten wir doch herzhaft lachen.
Da man verständlicherweise eine Schweigepflicht hat, kann ich nicht detaillierter beschreiben, was uns noch alles Lachen ließ. Vieles Lustige entstand auch aus „Insider-Witzen“ bzw. Situationskomik. Auf jeden Fall ist die Psychiatrie kein durchgehendes Horrorerlebnis, sondern man hat auch sehr schöne und manchmal eben auch lustige Momente.
Zerschlagene Herzen
Der Geist eines Mannes erträgt seine Krankheit; aber ein zerschlagener Geist, wer richtet ihn auf? (Sprüche 18,14 – CSV-Elberfelder)
Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der in Ewigkeit wohnt und dessen Name der Heilige ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen. (Jesaja 57,15 – CSV-Elberfelder)
Lass mich Fröhlichkeit und Freude hören, so werden die Gebeine frohlocken, die du zerschlagen hast. (Psalm 51,10 – CSV-Elberfelder)
Ein Seelsorger sagte mir mal den Satz: „Ein Christ kommt immer in vorbereitete Verhältnisse.“ Ich werde dem geistlichen Erleben auf einer Psychiatrie einen eigenen Artikel widmen, so Gott will. Ich habe auf der Psychiatrie wertvolle geistliche Erfahrungen gemacht und erlebt, was diese drei Verse aussagen. Sie beschreiben die Phasen einer Depression sehr gut.
In der ersten Phase gab es bei mir Momente, da es mir unmöglich schien, die Krankheit weiter zu ertragen (und diese kommen immer mal wieder). Ich habe aber auch erlebt, dass Gott gerade in den dunkelsten Momenten besonders gegenwärtig war. Zumindest war dies mein Eindruck. Wenn ich nicht die Kraft hatte ihn durch "geistliche Höhe" zu „besuchen“, dann besuchte er mich. Er wohnt in der unfassbaren Herrlichkeit des Himmels, aber gleichzeitig bei den Leidenden.
Diese zweite Phase, bei der man merkt, dass Gott da ist, gibt Hoffnung auf Phase drei. Ich weiß nicht, wie Menschen, ohne Gott durch diese Krankheiten kommen. Als überzeugter Christ hatte ich Hoffnung und am Ende wieder schöne Tage mit Fröhlichkeit und Freude. Wenn auch nicht gänzlich geheilt, so waren diese doch so, dass die Krankheit in den Hintergrund rückte und ich die Freude an Gott, der Familie und der Schöpfung genießen konnte.
Diese Hoffnung möchte ich den erstmalig Erkrankten weitergeben. Es gibt eine Zeit danach! Niemand bleibt für immer auf einer Psychiatrie. Und wenn Jesus Christus wiederkommt, um die Gläubigen zu sich zu holen, dann werden nicht nur Christen in Arbeitslagern, Gefängnissen und Hospizen einen atemberaubenden Wechsel erleben, sondern auch Patienten auf einer Psychiatrie. Was für ein Moment!