Viele viele bunte Smarties?

oder:

Psychopharmaka - nur etwas für Kleingläubige?

These 2:
"Ich würde beten und die Psychopharmaka einfach weggelassen. Gott kann schließlich auch ohne Medikamente heilen."

(Foto: iStock @ Needpix.com)

„Ich würde beten und die Psychopharmaka einfach weggelassen. Gott kann schließlich auch ohne Medikamente heilen.“ 

Ein verhängnisvoller, manchmal sogar tödlicher Satz. Daher soll dieser Artikel helfen, die Wirkungsweise von Psychopharmaka besser zu verstehen und diese geistliche richtig einzuordnen. 

Der Ursprung psychischer Erkrankungen
Der Mensch im Garten Eden war vollkommen gesund und glücklich. Sein Körper, sein Geist und seine Seele bildeten eine intakte Einheit. Es gab keine Schmerzen am Körper, keine Demenz und keine Depressionen. Die glückliche, sündlose Gemeinschaft mit Gott spiegelte sich am und im ganzen Menschen wider. 

Doch dann kam der Sündenfall, der als Konsequenz den Fluch Gottes über die Schöpfung brachte. Fortan war der Körper sterblich. Dieses Sterben begann sofort. Der Tod kam für Adam zwar erst hunderte Jahre später, aber der Vorbote „Alterungsprozess“ hat seinen Brief direkt zugestellt. Dieser Zustand wurde dann „vererbt“. Die Bibel sagt wenig über diese Umstellung, aber es muss für die Menschen merkwürdig gewesen sein. 

Ein Mensch hatte den ersten Bandscheibenvorfall der Geschichte, ein anderer die ersten Kopf- oder Zahnschmerzen. Doch nicht nur der Körper machte sich bemerkbar. Während Adam in Garten Eden noch alle Tiere benennen konnte, merkte er vielleicht plötzlich, dass er einige vergessen hatte. Der Verstand und Geist begann zu altern. Und es wäre logisch, sollte Eva mit Depressionen zu kämpfen gehabt haben. Nicht nur, dass sie ihre schöne Welt verloren hatte, sondern sie wurde vielleicht auch von Schuldgefühlen geplagt. Ohne ihr (und Adams) Versagen, wäre Abel nicht gestorben und Kain noch bei ihr. Wir wissen keine Details, aber wir wissen, dass sich bald auch der psychische Verfall bemerkbar machte. Im vermutlich ältesten Buch der Bibel, äußert Hiob z.B. schon Suizidgedanken. 

Auch das geistliche Leben war angegriffen und Gott musste ein Tier töten (ein Bild von dem Stellvertreter Jesus Christus), um die Gemeinschaft mit Adam und Eva wiederherzustellen und ihre Gebete erhören zu können, wenn auch beides auf niedrigerem Niveau als in Eden. 

 

Die Besonderheit der psychischen Erkrankungen
Doch die Komponenten Körper, Geist, Psyche und ihre Verbindung zum geistlichen Leben sind nicht alle gleich „greifbar“. Während beim Körper sichtbar ist, dass er leidet, ist dies bei Geist, Psyche und im geistlichem Bereich oft nicht der Fall. Deshalb ist es so wichtig zu verstehen, dass nicht nur der Körper durch den Sündenfall beeinträchtigt wurde. Doch oft ist es so, dass man Körper und den seelisch, geistigen Bereich anders behandelt. Wenn jmd. Kopfschmerzen aufgrund einer Beule oder eines Tumors hat, dann ist sein erster Schritt oft nicht das Gebet, sondern er greift ganz selbstverständlich zu Medikamenten und hört auf die Ärzte. 

Hat jmd. jedoch psychosomatische Beschwerden (die Beispiele von Psychosomatik in der Bibel wird ein eigener Artikel sein), dann greift er in der Regel erst dann zu Medikamenten und Ärzten, wenn der Druck so hoch wird, dass er keinen anderen Ausweg mehr sieht. 

Überspitzt formuliert, denken viele Menschen (teils unterbewusst) bei Symptomen über mögliche Hilfsangebote wie folgt: 

Körperliche Beschwerden        => Erst Ärzte / Medikamente, bei ausbleibender Besserung Gott 

Seelische Beschwerden            => Erst Gott, bei ausbleibender Besserung Ärzte / Medikamente 

 

Da diese Seite praktische Lebenshilfe geben und keine wissenschaftlichen Artikel produzieren soll, werden jetzt hier keine Definitionen von Geist, Psyche und Seele gegeben. Im Folgenden unterscheide ich nur zwischen den körperlichen und psychischen Krankheiten. 

Es ist äußerst wichtig zu wissen, dass Schizophrenie oder Depressionen Krankheiten sind. Diese Krankheiten rufen messbare Veränderungen im Gehirn hervor. Bei einer Depression ist in der Regel der Botenstoff (Neurotransmitter) Serotonin nicht ausreichend vorhanden. Dies kann z.B. durch das Altern bedingt sein oder durch eine Schwangerschaft. Das Leben in Ländern mit langen, dunklen Wintern fördert diesen Mangel ebenso. Dies führt u.a. zu Appetitlosigkeit, Angstzuständen oder Einschlaf- und Durchschlafproblemen, da Serotonin vom Körper in den zum Einschlafen wichtigen Stoff Melatonin umgewandelt wird. Antidepressiva sind sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Sie blockieren Teile im synaptischen Teil des Gehirns, die den Botenstoff verarbeiten. Auf diese Weise steht dieser länger zur Verfügung. (Ähnlich einem Staudamm, der zwar Wasser zur Energiegewinnung weitergeben soll, aber durch Risse leerzulaufen droht. Werden diese Risse wieder geschlossen, dann ist der Durchfluss auch wieder normal.) 

 

Braucht ein Christ Psychopharmaka?
Diese Medikamente sind also kein Hokuspokus, sondern folgen wissenschaftlichen Prinzipien. Sie müssen in der Regel auch nur in Akutphasen genommen und können danach wieder abgesetzt werden. Aber braucht ein Christ diese Medikamente? Kann nicht Gott das seelische Gleichgewicht wiederherstellen? Natürlich kann er das und ich kenne Fälle, bei denen Christen ihre Medikamente von heute auf morgen abgesetzt haben (obwohl das sehr gefährlich ist und ich das keinem raten würde) und danach psychisch gesundet weiterlebten. Ich kenne aber auch Fälle, bei denen dies in die Katastrophe (Suizid) führte. Es ist einfach so wie mit jeder Prüfung Gottes. Manchmal schenkt er Heilung durch Wunder, oft nutzt er den natürlichen Weg (Ärzte und Medikamente) und manchmal gibt es auch keine Heilung. 

Wichtig ist einfach nur, die Depression erstmal genauso zu behandeln wie Zahnschmerzen oder einen Knochenbruch. In den allermeisten Fällen, gerade wenn es schwere Depressionen sind, wird Gott den natürlichen Weg nutzen, um Besserung zu schenken. Es gibt keine Garantie dafür, dass man Depressionen oder eine Zwangsstörung „wegbeten“ kann. Ebenso wenig wie Krebs oder eine zu große Schilddrüse. Ich kennen einen Christen, der einen großen Kropf hatte und dieser ging allein durch Gebet weg. Andere brauchten eine OP/Medikamente oder behielten ihn bis ans Lebensende. 

Während der japanischen Invasion der Philippinen bestellte der Leiter eines Missionswerkes seinen Tee mit Zucker. Seine Mitarbeiter waren verwundert, da er aufgrund von Diabetes sonst keinen Zucker nahm. Er sagte, er wäre von der Diabetes geheilt, da sie alle bald in Gefangenschaft kämen und er sonst sofort sterben würde. Seine Mitarbeiter glaubten ihm erst, als er eine Bestätigung von seinem Arzt erhalten hatte. Kurze Zeit später eroberten die Japaner die Station und er kam in Gefangenschaft. Er starb zwar dort, aber erst nach einigen Jahren, in denen er für viele zum Mutmacher wurde und nicht an Diabetes. 

Man kann also auch eine Diabetes „wegbeten“, aber der Normalfall ist das nicht. Ich habe den Eindruck, dass manche Christen hochsensibel reagieren würden, wenn der Partner seine Herztabletten nicht genommen hätte, aber ihn ohne zu zögern auffordern würden, seine Antidepressiva im Vertrauen auf Gott wegzulassen. Es herrscht eine Unwissenheit darüber, dass die Psyche zur gefallenen Schöpfung gehört und ihre Erkrankung in manchen Fällen nicht mehr mit dem geistlichen Bereich zu tun hat, wie eine Blinddarmentzündung. Manche Familien haben eine starke genetische Vorbelastung und sind daher eher gefährdet als andere. Andere Familien haben dagegen körperliche Beschwerden wie Bluthochdruck, schlechte Zähne oder schnell ausfallende Haare. Beide Familien können geistlich auf gleichen Niveau vor Gott unterwegs sein. 

Es gibt für psychische Erkrankungen auch gesellschaftliche Faktoren. In Kriegsgebieten gibt es eher Panikstörungen als in friedlichen Ländern. In Ländern mit hohem beruflichen Stress gibt es eher Tinnitus oder Erschöpfungsdepressionen als in solchen, bei denen man weniger schnell und lang arbeitet. Diese Probleme gehen nicht alle folgenlos  an den Kinden Gottes vorbei. 

 

Die hohe Komplexität von Psychopharmaka
Woher kommt trotzdem die große Skepsis ggü. Psychopharmaka?
 Im Gegensatz zu einem Gips oder einer Reisetablette, sind Psychopharmaka sehr kompliziert. Das Gehirn und die Psyche sind schwerer zu behandeln als ein Oberschenkelhalsbruch. Je komplexer etwas ist, desto individueller ist es in der Regel auch. Daher reagiert nicht jeder Mensch gleich auf das identische Medikament. Man muss oft mehrere testen, bis man das passende gefunden hat. Manchmal braucht man auch zwei gleichzeitig. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Medikamente nicht sofort wirken. Man muss einen im Blut messbaren Spiegel aufbauen, was im Durchschnitt zwei Wochen dauert. Realisiert man dann, dass es nicht hilft, hat man im Prinzip einen Monat verloren, bis sich der Spiegel der Alternative aufgebaut hat. Diese Geduld hat ein psychisch Erkrankter nicht immer und gibt vorzeitig auf, weil er keine Erleichterung verspürt. 

Ein weiterer Grund sind die manchmal enormen Nebenwirkungen. Starkes Schwitzen, schnelle Gewichtszunahme oder Impotenz haben leider auch Auswirkungen auf die Partnerschaft. Der Ehepartner macht dann manchmal Druck die Medikamente abzusetzen, gerade wenn er in den ersten Wochen keine Änderung bei dem Erkrankten bemerkt.
 
 

Durch die individuelle Wirkungsweise gibt es in Extremfällen sogar die Möglichkeit, dass sich die Erkrankung verschlechtert. Eine Nebenwirkung von Antidepressiva sind Depressionen. (Man stelle sich mal einen Gips vor, dessen Nebenwirkung es wäre weitere Knochenbrüche herbeizuführen.) Daher ist eine enge ärztliche Begleitung am Anfang wichtig und es zudem ein großer Vorteil, wenn enge Vertraute einen in diesem Prozess auf Verhaltensänderungen hin beobachten. Ist man erstmal gut eingestellt, verläuft die Medikamenteneinnahme aber unproblematisch. 

Dies führt zum nächsten Grund, nämlich der Angst vor Abhängigkeit. Im Gegensatz zu anderslautenden Behauptungen machen Antidepressiva und andere Psychopharmaka jedoch nicht abhängig. Die Gerüchte kommen in der Regel daher, dass Komplikationen beim abrupten Absetzen aufgetreten sind. Dies liegt aber daran, dass der Körper sich umstellen muss, wenn sich die Botenstoffe ändern. Daher muss man diese Medikamente ausschleichen! Dies ist extrem wichtig und bedeutet, dass man die Dosis über einen längeren Zeitraum Stück für Stück verringert. Dies ist aber keine Abhängigkeit vergleichbar mit der von Drogen. Drogen führen dazu, dass man vom gleichen Stoff immer mehr braucht. Die Dosis für Psychopharmaka kann dagegen über Jahrzehnte konstant sein und immer die gleiche Wirkung erzielen und wenn man es ärztlich begleitet ausschleicht, hat man auch keine Entzugserscheinungen und braucht auch keine Ersatzstoffe. 

Als letzten Grund nenne ich hier noch die Angst vor einer Veränderung der Persönlichkeit. Dies ist in der Tat manchmal der Fall, allerdings wird aus einem Dr. Jekyll nicht ein Mr. Hide. Man fühlt aber manchmal manche Gefühle mehr oder weniger, wird fröhlicher, ruhiger oder verlangsamt in den Bewegungen etc. (Einige dieser Wirkungen sind aber nur in der Anfangszeit und der Körper antizipiert diese danach.) Diese Veränderungen sind aber nicht so, dass man nicht mehr weiß, wer man ist etc. Es empfiehlt sich daher, dass Menschen, denen man vertraut einen bei neuer Medikation beobachten und man sich selbst stärker reflektiert. Kommen dann beide Seiten zu gleichen Schlüssen und sind diese Veränderungen störend oder nicht erwünscht, dann sollte man das dem Arzt mitteilen und ggf. ein anderes Medikament probieren. 

Fazit:
Im Vergleich zu anderen Medikamenten, z.B. aus der Jahrtausende alten chinesischen Tradition, sind Psychopharmaka die „Babys“ in der Medizin. Viele der gängigsten wurden erst nach dem 2. Weltkrieg entwickelt. Das sie wirken, hat sich in der Praxis gezeigt. Während früher Menschen quälende Monate, im Extremfall Jahre, brauchten, um aus einer Psychose zu kommen und stabil zu sein, gelingt dies heute in Tagen und Wochen. Sie können also ein Segen sein. Leider gibt es in den Entwicklungsländern nur einen Psychiater für 100.000 Einwohner. (In der Schweiz sind es 53, in Deutschland >20). Daher enden psychisch Erkrankte noch allzu oft als Bettler oder gesellschaftlich Ausgestoßene in Ländern, in denen sich schon Gesunde an der Armutsgrenze bewegen. Die Dunkelziffer für Suizid wird hoch sein. 

Durch die Zunahme an psychischen Erkrankungen in den Wohlstandsgesellschaften, durch Stress, Sinnlosigkeit etc. wird es für die Pharmaindustrie lohnenswerter zu forschen. Dazu kommt die durch technischen Fortschritt stark verbesserten Möglichkeiten ggü. den Pionieren, Gehirnaktivitäten zu erfassen und systematisch auszuwerten. Früher hat man viel „auf Verdacht“ produziert. In den Kliniken stellte sich manchmal in der Praxis heraus, dass ein Medikament gegen Psychosen nicht wirkte, aber ein hervorragendes Antidepressiva war. Doch erst wenn der Prozess der Zulassung erneut durchlaufen war, konnte der Arzt es auch als ein solches verschreiben. Hier bleibt zu hoffen, dass durch die Digitalisierung solche Prozesse beschleunigt werden und durch die verbesserte Forschung eine Vorhersage der Wirkung für die Praxis genauer wird. Ebenso bleibt zu hoffen, dass eine neue Generation von Psychopharmaka, die teilweise extremen Nebenwirkungen reduzieren kann. 

Die Aufklärung über diese Krankheiten hat große Fortschritte gemacht und zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz geführt, allerdings besteht die Befürchtung, dass durch psychisch erkrankte Gewalttäter die Angst vor Erkrankten wieder zunimmt. Unter den überzeugten Christen scheint die Aufklärung, (wie manches andere Gute und Schlechte auch), verzögert anzukommen. Sie ist aber bemerkbar. Wichtig ist, dass man den psychischen Erkrankungen erstmal ihren Mythos nimmt und sie geistlich als „normale“ Krankheit begreift, was die Medikamente angeht. In Abhängigkeit von Gott, kann dann jeder für sich entscheiden, ob er diese Hilfe annimmt oder nicht. 

Erst im zweiten Schritt sollte man dann prüfen, ob eine Depression, Zwangsstörung oder sonstige psychische Erkrankung eine geistliche Ursache hat. Natürlich ist eine solche nicht 1:1 mit einem Knochenbruch vergleichbar. Die Psyche ist enger mit dem geistlichen Leben verwoben als ein Blinddarm. Daher sind Medikamente im psychischen Bereich zur Stabilisierung auch oft nicht ausreichend, sondern bei schwerer oder chronischer Erkrankung, wird Psychotherapie und Seelsorge genauso wichtig sein. Der Psychotherapie widme ich daher ein eigenes Kapitel. 

Wenn Du den Unterschied zwischen Psychiater, Psychologe und Psychotherapeut nicht kennst, dann wird es für Dich auch in der Hinsicht interessant sein.